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Chapter 2 of 7

I.

6 min read · Chapter 2 of 7

Die beiden wichtigsten Martyrien des Ignatius, das MS. vatic. und colbert., datiren den Process desselben auf die Regierungszeit Trajan's, lassen aber den Kaiser selbst in ganz verschiedener Weise bei dem Prozess betheiligt sein. Nach den Untersuchungen Zahn's ist über den Quellenwerth dieser Martyrien kein Wort mehr zu verlieren. Es genügt, an die Sätze zu erinnern, in welchen Zahn sein Urtheil über dieselben zusammengefasst hat (a. a. O. S. 56): "Handelt es sich darum, aus den Nachrichten über Ignatius einen irgend haltbaren Rahmen für die ihm zugeschriebenen Briefe zu gewinnen, so ist auf jede Benutzung eines der Martyrien zu verzichten; denn selbst die beiden vergleichsweise ursprünglichen enthalten nichts, was sie nicht entweder aus älteren, uns noch zugänglichen Quellen geschöpft, oder im Widerspruch mit diesen und im Widerspruch gegen einander erdichtet haben. Das gilt zumal von den chronologischen und welthistorische n Angaben, welche in einem Fall aus der Kirchengeschichte Euseb's (ms. vatic.) zusammengelesen, im anderen aus dessen Chronik (ms. colbert.) entnommen waren. Auf adiese werthvolleren Quellen verweisen uns demnach die Martyrien selbst."

Hierzu ist weiter zu bemerken: 1) dass überhaupt alle Nachrichten, die wir seit dem 4. Jahrh. über Ignatius besitzen, sofern sie nicht offenkundige Dichtungen sind, auf die sieben Briefe oder auf die Martyrien oder auf die beiden Geschichtswerke des Eusebius direct oder indirect zurückgehen. Nur der Ansatz, Ignatius sei der erste Bischof nach den Aposteln gewesen, macht hiervon eine Ausnahme; 2) dass der Name des Trajan dennoch nicht unauflöslich in der nacheusebianischen Tradition mit dem des Ignatius verknüpft ist. So hat selbst noch der Antiochener Chrysostomus in seinem weitschweifigen Egkomium auf den h. Ignatius den Kaiser Trajan nirgends genannt. [8] Es ist demnach mit Zahn [9] zu behaupten, dass überall, wo seit dem 4. Jahrh. in der Tradition der Name des Ignatius in Verbindung mit dem des Trajan auftritt, directe oder indirecte Abhängigkeit von den Geschichtswerken des Eusebius nachweisbar sei. Dieses Ergebniss kann auch so formulirt werden, dass die Zeugnisse der gesammten nacheusebianischen Tradition über Ignatius für die chronologische und sachliche Feststellung des Processes, der Reise u. s. w. völlig werthlos sind; ja diese Zeugnisse fordern nicht einmal dazu auf, die Möglichkeit offen zu lassen, dass eine von Eusebius unabhängige Tradition über den Märtyrertod des Ignatius unter der Regierung Trajan's in nacheusebianischer Zeit vorhanden gewesen sei. Diese Möglichkeit, die ins Auge gefasst werden muss, wird deshalb bei der Frage nach den Quellen des Eusebius zu erwägen sein.

Sieht man sich aber, wenn man die Zeugnisse der Tradition rückwärts verfolgt, bald lediglich auf Eusebius gewiesen, so gelangt man noch rascher zu diesem Ergebniss, wenn man bei den ältesten Zeugen beginnt. In der gerammten voreusebianischen. Literatur, so weit sie uns erhalten ist, können überhaupt nur vier Stellen aufgewiesen werden, wo des Ignatius, resp. seiner Briefe, gedacht wird; nur eine dieser Stellen enthält ein chronologisches Datum.

Polykarp, oder wen man für den Schreiber des uns unter seinem Namen überlieferten Briefes an die Philipper halten will, setzt voraus, [10] dass. Ignatius kürzlich auf seinem Transport auch Philippi berührt hat. Aber nicht nur die Zeit der Abfassung dieses Briefes ist ungewiss, auch die Integrität desselben ist beanstandet worden. Irenäus beruft sich, um die Nothwendigkeit der Trübsale für die, welche selig werden sollen, zu begründen, auf Ign. ad. Rom. 4, 2 mit den Worten: [11] os eipe' tis ton emete'ron dia` te`n pro`s theo`n marturi'an katakritheo`s pro`s theri'a. Aber dies Zeugniss ist ohne jeden Belang, da durch dasselbe lediglich die Existenz des ignatianischen Römerbriefs z. Zeit des Irenäus constatirt ist: Irenäus spricht er konnte freilich an dieser Stelle kaum anders sprechen -- nur von einem katakrithenai pro`s theri'a. Origenes endlich citirt im Prologe zum hohen Lied [12] Ignat. ad Rom. 7, 2 mit der Formel: "denique memini aliquem sanctorum dixisse, Ignatium nomine, de Christo". In der 6. Homilie zum Luc.-Ev. aber führt er Ignat. ad. Eph. 19, 1 mit den Worten ein: [13] kalos en mia ton ma'rturo's tinos epistolon ge'graptai -- to`n Igna'tion le'go, to`n meta` to`n maka'rion Pe'tron tes Antiochei'as deu'teron epi'skopon, to`n en to diogmo en Rho'me theri'ois machesa'menon. Nur dieses letzte Citat ist von Bedeutung. Es beweist, dass in Alexandrien z. Z. des Origenes der Verf. der sieben Briefe, Ignatius, als der zweite antiochenische Bischof nach Petrus galt,. und dass man annahm, derselbe habe wirklich in Rom im Thierkampf seinen Tod gefunden. Hiermit ist alles erschöpft, wate sich aus d.Z.vor Eusebius über Ignatius beibringen lässt; [14] es ist aber wohl zu beachten, dass nicht nur jenes "tis", welches Origenes beidemale (und Irenäus) braucht, Unsicherheit verräth, [15] sondern auch, dass die Verfolgung von Origenes nicht ausdrücklich als die trajanische bezeichnet wird. [16] Das peinliche Schweigen der Tradition vor Eusebius darf aber auch hier, wie so häufig, nicht durch Berufung auf die geringe Zahl der uns aus ältester Zeit überlieferten Schriftwerke vertuscht werden; denn Niemand wird es für zufällig halten, dass Eusebius in der Kirchengeschichte dort, wo er von Ignatius handelt, [17] ausser dem, was er aus den sieben Briefen selbst schöpfen konnte, aus der Tradition nur die uns bereits bekannten Zeugnisse des Irenäus und Polykarp beigebracht hat.
[18] Dies ist um so entscheidender, als Eusebius selbst im Eingang seiner Erzählung den Eindruck der Unsicherheit, resp. der Spärlichkeit der Tradition nicht verhüllt hat, da er mit den Worten beginnt: [19] Lo'gos d' e'chei touton apo` Suri'as epi` te`n Rhomai'on po'lin anapemphthe'nta theri'on gene'sthai bora`n tes eis Christo`n marturi'as e'neken. [20] Man darf daher mit Sicherheit schliessen, dass -- von der Zeitbestimmung abgesehen -- Eusebius ausser dem, was er in extenso citirt, keine weiteren Quellen für seine Mittheilungen über Ignatius besessen hat. Kein Martyrium lag ihm vor, wie für die Geschichte des Polykarp, und, fügen wir gleich hinzu, auch in den Hypomnematen des Hegesipp kann schwerlich etwas über Ignatius gestanden haben. Indess, wir wissen weder, ob Eusebius den Hegesipp vollständig gelesen hat, noch, ob die Anlage dieses Werkes eine solche gewesen ist, dass sie für Erzählung späterer Martyrien Raum hatte. Es ist mithin das Urtheil über die Zuverlässigkeit der Datirung des Martyriums des Ignatius auf die Zeit des Trajan lediglich abhängig von dem Urtheil über den Werth der Angaben des Eusebius in seinen beiden Geschichtswerken. Nur soviel liess sich ermitteln, dass bereits Origenes den Ignatius als zweiten antiochenischen Bischof nach Petrus kannte. Diese Tradition kann Eusebius vorgefunden haben. Welchen Werth dieselbe besitzt, und ob dem ältesten Kirchenhistoriker sonst noch chronologische Nachrichten über Ignatius zu Gebote standen, werden wir nun zu untersuchen haben.

[8] Vgl. Patr. App. Opp. Fasc. II edid. Zahn (1876), p. 343 sq. Hieran und an die Zählung des Ignatius in der Reihenfolge der antioch. Bischöfe bei Chrysostomus wird später noch zu erinnern sein.

[9] Vgl. Zahn, Ignatius S. 56-74.
[10] Ep. ad Philipp. 13. 9, 1. 1, 1.
[11] Adv. haer. V, 28, 3.
[12] E vers. Ruf. (Delarue T. III, 30 A).
[13] Delarue III, 938 A.

[14] Die Angabe der App. Constitut. (VII, 46), dass Paulus den Ignatius zum Bischof geweiht habe, muss natürlich hier ausser Betracht bleiben. Auch ist das 7. Buch der Constitutionen erst in nacheusebianischer Zeit abgefasst. Athanasius (epist. de synod. Arim. et Seleuc. Opp. I, 2, 761 A edid. Montfaucon) nennt den Ignatius epi'skopon meta' tou`s aposto'lous en Antiochei'a katastathe'nta kai` ma'rtura tou Christou geno'menon. Diese Angabe geht über die bei Origenes nachgewiesene Tradition nicht hinaus. Ueber die hier vorliegende Abweichung von Origenes s. später.

[15] Man vgl., wie Origenes in ähnlicher Weise Schriften citirt, deren Ursprung nicht ganz sicher ist, z B. den Hirten des Hermas (Patr. App. Opp. fasc. III edid. de Gebhardt et Harnack, Prolegg. p. LIV sq.).

[16] Man beachte übrigens, dass Orig. nicht en to diogmo to en Rho'me geschrieben hat.

[17] L. III, 36.

[18] Eusebius führt den Irenäus mit den Worten ein (III, 36, 12): oide de` autou to` martu'rion kai` o Eirenaios; allein er weiss zur Begründung nur Iren. V, 28, 3 anzuführen, wo, wie gezeigt, lediglich von einer Verurtheilung die Rede ist.

[19] L. III, 36, 3.

[20] Richtig Zahn (a. a. O. S. 51 n. 2): "Das lo'gos d' e'chei bezeichnet bei Euseb stets eine, wenn auch durchaus glaubwürdige, so doch der ausreichenden urkundlichen Beglaubigung entbehrende Ueberlieferung (II, 7. II, 17, 1. III, 18, 1. III, 19. III, 37, 1. V, 19, 1). Auch wenn er nachher schriftliche Zeugnisse folgen lässt, decken diese nicht völlig den Inhalt des lo'gos, oder sie reichen nicht hoch genug hinauf, um als urkundlicher Beweis gelten zu können. So hielt es Euseb in diesem Fall für angemessen, die Ueberlieferung, dass Ignatius in Rom von den Thiereat getödtet worden sei, durch Berufung auf Irenäus zu stützen".

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